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Was das Reisen uns über Veränderung lehrt

Zwei scheinbar ähnliche Erfahrungen – und ein entscheidender Unterschied im Erleben

11. August 20267 Min. Lesezeit

Viele Jahre lang habe ich Menschen als Reiseleiterin auf Weltreisen begleitet. Fremde Kontinente, unbekannte Häfen, Gruppen, die sich täglich neu auf Ungewisses einlassen mussten. Diese Erfahrung zeigt sehr anschaulich, was die Psychologie über Veränderung längst belegt: Wie wir mit dem Unbekannten umgehen, hängt weniger vom Ausmaß der Veränderung ab als davon, wie wir sie erleben.

Reisen und Change wirken auf den ersten Blick wie dieselbe Geschichte: Man verlässt das Vertraute, begegnet Neuem, muss sich neu orientieren. Doch bei genauerem Hinsehen liegt der entscheidende Unterschied nicht in der Veränderung selbst, sondern darin, wie wir sie erleben – und genau darin steckt die eigentliche Lehre fürs persönliche, organisationale und gesellschaftliche Wachstum.

Warum wir Reisen lieben und Change fürchten

Wer reisen mag, hat deshalb noch lange keine Lust auf Veränderung. Das ist kein Widerspruch, sondern eine sehr menschliche Logik. Reisen ist in aller Regel selbst gewählt: Reiseziel, Reiseform, Dauer, Transportmittel, Unterkunft – jeder Baustein wird bewusst gewählt, je nachdem, was man sich davon verspricht: Erholung, Fitness, ein besseres Verständnis einer fremden Kultur, einfach Tapetenwechsel, neue Bekanntschaften. Genau diese Wahlfreiheit ist psychologisch entscheidend. Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan beschreibt Autonomie als eines von drei zentralen menschlichen Grundbedürfnissen, neben Kompetenzerleben und sozialer Eingebundenheit. Reisen bedient dieses Bedürfnis fast vollständig – Change im Unternehmen häufig nicht. Dort lautet die Botschaft eher: "Wir müssen uns verändern." Aus "Ich verlasse meine Komfortzone" wird "Meine Komfortzone wird mir weggenommen."

Auch der emotionale Rahmen unterscheidet sich fundamental. Beim Reisen fragen wir: Was werde ich entdecken? Beim Change fragen Menschen oft: Was werde ich verlieren – Rolle, Sicherheit, Team, Einfluss? Die Verlustaversion, ein wichtiger Befund der Verhaltensökonomie und Bestandteil der Prospect Theory von Daniel Kahneman und Amos Tversky, beschreibt die Tendenz, dass wahrgenommene Verluste psychologisch stärker wiegen können als gleichgroße Gewinne – wie ausgeprägt dieser Effekt ausfällt, hängt dabei von Referenzpunkt, Kontext und Situation ab, wie Novemsky und Kahneman (2005) in ihrer Studie zu den Grenzen der Verlustaversion zeigen; eine vielbeachtete Neubewertung von Gal und Rucker (2018) stellt die Allgemeingültigkeit des Effekts sogar noch grundsätzlicher infrage. Besonders interessant wird das im Blick auf Veränderung: Eine Person kann begeistert von einer Reise nach Japan erzählen und gleichzeitig Angst vor der Einführung einer neuen Software im eigenen Unternehmen haben. Beides ist strukturell Veränderung, doch die psychologische Bedeutung ist unterschiedlich. Die Japanreise wird eher als möglicher Gewinn erlebt – neue Erfahrungen, neue Möglichkeiten, neue Eindrücke. Die neue Software kann dagegen als möglicher Verlust erlebt werden – von Vertrautheit, Sicherheit, Kompetenz oder Kontrolle.

Ein weiterer Unterschied: Reisen hat einen Exit. Reisen ist in den meisten Fällen etwas Vorübergehendes – das eigene Bett, der Alltag, das Zuhause warten. Genau das macht das Unbekannte erträglich, besonders wenn es einem weniger erstrebenswert erscheint als erhofft. Bei einer echten Transformation fehlt dieses Sicherheitsnetz. Die Botschaft lautet nicht "bald ist alles wieder normal", sondern: "So, wie es vorher war, wird es nicht mehr sein." Deshalb hilft es wenig, Menschen im Change die Rückkehr zum Alten zu versprechen. Hilfreicher ist es, ihnen beim Aufbau eines neuen Zuhauses zur Seite zu stehen.

Nicht die Veränderung an sich entscheidet also darüber, wie Menschen reagieren, sondern das, was sie durch sie zu verlieren oder zu gewinnen glauben. Genau hier beginnt die eigentliche psychologische Seite von Veränderung: der Übergang oder auch die Transition. Die Aufgabe besteht dann nicht darin, jemanden zu überzeugen, dass eine Veränderung gut ist, sondern dabei zu helfen, sichtbar zu machen, was gerade als Verlust erlebt wird – und was sich dadurch möglicherweise wiedergewinnen oder neu gewinnen lässt.

Change ist nicht Transition

Der amerikanische Change-Berater William Bridges hat in den 1990er-Jahren eine Unterscheidung geprägt, die bis heute zu den einflussreichsten Konzepten der Veränderungspsychologie zählt: Change und Transition sind nicht dasselbe. Change beschreibt, was sich äußerlich verändert – neue Strukturen, neue Prozesse, neue Rollen, ein neuer Zeitplan. Transition beschreibt, was dabei im Menschen passiert: der Abschied vom Vertrauten, eine oft unbequeme Übergangsphase und irgendwann das Ankommen im Neuen. Organisationen planen in aller Regel den Change sehr sorgfältig – und unterschätzen dabei die Transition.

Das erklärt, warum so viele Veränderungsprojekte in der Umsetzung scheinbar erfolgreich sind und trotzdem nicht wirken: Der neue Prozess steht, das neue System läuft, die neue Struktur ist eingeführt – aber die Menschen sind innerlich nirgends angekommen. Change-Prozesse enden meist mit "Kick-off, Umsetzung, Einführung". Der entscheidende vierte Schritt – bzw. die Aktivitäten, die eher parallel zu den prozessualen Schritten verlaufen – fehlt oft: das Ankommen. Denn Change ist nicht abgeschlossen, wenn das Neue eingeführt ist. Er ist erst dann wirklich vollzogen, wenn das Neue zum neuen "Normal" geworden ist und die Beteiligten den neuen Routinen folgen und nicht nach Ausweichmanövern suchen.

Was einen guten Reiseleiter ausmacht

Ein guter Reiseleiter kann nicht garantieren, dass eine Reise so verläuft wie geplant. Wetter, verspätete Flüge, ausgefallene Häfen – vieles lässt sich nicht kontrollieren. Was ein guter Reiseleiter aber leisten kann: dafür sorgen, dass sich niemand unterwegs verloren fühlt. Er nimmt niemandem die Reise ab und trägt nicht den Koffer jedes Gastes. Er gibt Orientierung, ohne die Illusion zu erzeugen, alles im Griff zu haben. Sicherheit geben, ohne Sicherheit zu versprechen, gilt in der Führungsforschung zu Veränderungsprozessen als eine der zentralen Fähigkeiten überhaupt.

Dazu kommt eine zweite Beobachtung, die sich in jeder Reisegruppe wiederholt: Menschen reisen nicht im gleichen Tempo. Die einen wollen sofort losziehen, andere brauchen erst eine genaue Erklärung, bevor sie sich trauen. Die sogenannte Change-Kurve, ein an die Trauerphasen nach Kübler-Ross angelehntes Modell, beschreibt genau das: Menschen durchlaufen bei Veränderungen unterschiedliche emotionale Phasen – von Schock über Widerstand bis Akzeptanz – und tun dies in völlig unterschiedlichem Tempo. Wenn ein Teil eines Teams noch beim "Warum müssen wir das überhaupt?" steht, während andere längst beim "Let's go" sind, ist das keine Störung des Veränderungsprozesses. Das ist Transition – und sie braucht Zeit und unterschiedliche Wege für unterschiedliche Menschen.

Der gesellschaftliche Widerspruch: Reiseweltmeister, aber keine Change-Weltmeister

Auf gesellschaftlicher Ebene zeigt sich dieselbe Logik in einem interessanten Paradox: Viele Menschen hierzulande reisen sehr gern – und tun sich mit Veränderung im Privaten wie im Beruf oder auch bei Regeln und Gesetzen trotzdem schwer. Das ist kein Widerspruch, wenn man genauer hinsieht. Denn das, was beim Reisen geliebt wird, ist selten das pure Ungewisse. Es ist das organisierte Ungewisse: gebuchter Flug, reserviertes Hotel, geplante Route – und erst dann darf das Abenteuer beginnen.

Der Unterschied ist also nicht Veränderung gegen keine Veränderung. Der Unterschied ist selbstgewählte Veränderung gegen fremdbestimmte Veränderung – exakt jenes Autonomiebedürfnis, das die Selbstbestimmungstheorie beschreibt. Für gesellschaftliche wie organisationale Veränderungsprozesse ergibt sich daraus eine zentrale Frage: nicht, wie man Menschen dazu bringt, Veränderung zu lieben, sondern wie man Bedingungen schafft, unter denen sie sich auf eine Veränderung einlassen können, obwohl es kein Zurück gibt in das, was vorher war.

Die innere Reise durch Veränderung

Genau diese Fragen stehen im Zentrum dessen, was Bridges als die eigentliche Reise durch Veränderung beschreibt: Was muss losgelassen werden – Gewohnheiten, Rollen, Sicherheiten? Wie lässt sich die Übergangsphase mit ihrer Unsicherheit und Ambivalenz aushalten? Und wie wird das Neue am Ende zum neuen Normal?

Dabei zeigt sich eine weitere Beobachtung, die in der Praxis oft unterschätzt wird: Veränderung passiert nicht auf einer einzigen Ebene, sondern gleichzeitig auf mehreren – kognitiv, emotional, körperlich, und auf einer tieferen Ebene, die mit Identität und Bewusstsein zu tun hat. Diese Ebenen bewegen sich selten im gleichen Tempo. Man kann eine Veränderung längst verstanden haben und trotzdem noch nicht bereit sein, sie zu fühlen oder zu leben – genau dieses Auseinanderklaffen macht Veränderung oft so viel widersprüchlicher, als sie auf dem Papier erscheint.

Veränderung scheitert selten daran, dass Menschen nicht wissen, was sich verändern soll. Schwierig wird sie, wenn Menschen nicht wissen, wie sie im Neuen ankommen sollen. Vielleicht liegt darin die eigentliche Lehre der Reise für den Change: Man muss Veränderung nicht zwingend weniger herausfordernd machen. Aber man kann sie mehr wie eine Reise gestalten – mit einem attraktiven Zielbild, mit Raum für Umwege, mit Etappen statt Endlosigkeit. Und vor allem mit dem Gefühl, das am Ende zählt: nicht Passagier der Veränderung zu sein, sondern Mitreisender.

Transition Guide

Loslassen, die Übergangsphase aushalten, im Neuen ankommen: Genau darum geht es in einem neuen Trainingsformat – Transition Guide. Es richtet sich an alle, die Veränderung nicht nur verstehen, sondern andere sicher hindurchbegleiten wollen – als Führungskraft, Berater:in oder für den eigenen Weg durch einen tiefgreifenden Umbruch.

Mehr zum Training und den nächsten Terminen finden Sie hier: Transition Guide – das Training

Quellen

  1. Deci, E. L. & Ryan, R. M.: Self-Determination Theory. Grundlagenwerk zur Selbstbestimmungstheorie der Motivation.
  2. Kahneman, D. & Tversky, A. (1979): Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica.
  3. Novemsky, N. & Kahneman, D. (2005): The Boundaries of Loss Aversion. Journal of Marketing Research.
  4. Gal, D. & Rucker, D. D. (2018): The Loss of Loss Aversion: Will It Loom Larger Than Its Gain? Journal of Consumer Psychology.
  5. Bridges, W.: Managing Transitions: Making the Most of Change. Grundlagenwerk zur Unterscheidung von Change und Transition.

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